Rybka 960-Champion 2007
Zu aller erst mal - meinen herzlichen Glückwunsch an Rybka und sein Team zum wohlverdienten Gewinn der Weltmeisterschaft 2007 im 960-Schach. Wer die News der Szene liest, weiß es schon lange, an Rybka führt derzeit im Computerschach kein Weg vorbei. Ich kann mich nicht erinnern, dass in den letzten 10 Jahren eine Engine derartig die Szene dominierte!
Aber was macht diesen Fisch (Rybka - Fisch in einigen slawischen Sprachen) eigentlich so viel besser als andere Engines? Und vor allem was bringt dieses Programm dem ernsthaften Schachspieler an Mehrwert? Der heutige Rybka schlägt wahrscheinlich jedes Schachprogramm aus dem Jahre 2000 mit mindestens 8-2 auf vergleichbarer Hardware (das Ergebnis ist geraten). Dies deutet darauf hin, dass Rybka gegenüber den damaligen Programmen so ca. 200-300 Elo zugelegt hat. Aber welchen zusätzlichen Nutzen hat der Rybka-Anwender gegenüber dem Fritz 7 User?
Ich denke, dass Schachprogramme keine Ahnung vom Schach haben, Positionen nicht richtig erfassen können, keine wirklichen Pläne entwickeln können, dass der Mensch schachlich von ihnen nicht viel lernen kann! Zweifelsohne muß man anerkennen, dass sie erfolgreicher Schach spielen als ca. 100% der Menschheit. Dennoch, man sollte aus dem Ergebnis dieser Zweikämpfe keinen Rückschluß auf die Qualität des Schachs ziehen! Es würde ja auch niemand behaupten, dass Taschenrechner die besseren Mathematiker wären ;-)
Bei der oben erwähnten Weltmeisterschaft im 960-Schach ist mir eine Partie besonders aufgefallen. Im Finale spielte der Vorjahressieger Shredder gegen den neuen Weltmeister Rybka. Shredder hatte Weiß. 
Shredder eröffnete mit 1. c4. Wenn ich an meine ersten Trainingsstunden zurückdenke, mein Trainer versuchte, mir den Sinn der Besetzung des Zentrums in der Eröffnung und des Entwickelns von Leichtfiguren beizubringen, dann erscheint mir Shredders Zug doch einen Sinn zu ergeben. Diese Art von Schach kann ich nachvollziehen.
Aber was macht der frischgebackene Weltmeister Rybka? Rybka spielt 1. … 0-0! Macht dieser erste Zug irgendeinen Sinn? Okay, ich weiß, dass er taktisch nicht wiederlegt werden kann - sonst hätte Rybka ihn nicht gespielt. Aber mal ehrlich, ist ein Zug schon gut, weil man ihn taktisch nicht wiederlegen kann? Was soll die Rocheade hier und jetzt? Der schwarze König steht auf g8 zu diesem Zeitpunkt bestimmt nicht sicherer als auf f8. Genauso wenig steht der schwarze Turm auf f8 aktiver als auf g8. Meiner Meinung nach läßt uns dieser Zug tief in die geheimen Rybka-Sourcen blicken ;-) Da steht irgendwo drin: Eval += iif(Rochade_ausgeführt, +25, -25).
Dieser Code macht im normalen Schach Sinn und ist gewiß Bestandteil von 95% aller Schachprogramme, denn im Zentrum steht der König meistens unsicher. Aber im 960-Schach sollte es bestimmt feinere Abstufungen geben!

Zwei Züge später hat Shredder das Zentrum besetzt - aus meiner Sicht ein schönes schematisches Schach - und Rybka läßt den nächsten taktisch unwiederlegbaren Zug folgen, er spielt 2. … a6. Schach macht mir so kein Spass! Ich verstehe die Züge der Programme nicht, ich kann keinen Plan erkennen. Was macht Rybka also besser als seine Kollegen? Wenn ich mir diese Partie anschaue, dann hat Rybka bestimmt nicht mehr Ahnung als andere Programme!? Ich denke, es hat nur eine bessere Suche und macht auf Grund dessen weniger taktische Fehler!?
Warum schreibe ich das hier alles? Liebe Schachprogrammierer, hört endlich auf, auf die Elo-Zahlen zu schauen! Wir brauchen Programme, die Schach spielen und nicht nur taktisch korrekte Züge aneinander reihen. Ich will lieber einen falschen Plan als keinen sehen.


